Was ist Lincrusta?

Was ist Lincrusta?

Ob in königlichen Residenzen, in edlen Bürgerhäusern, in eleganten Geschäften oder in Luxuswaggons von Eisenbahnen: Als Ende des 19. Jahrhunderts ein neuartiger Wandbelag auf den Markt kam, feierte er schnell große Erfolge. Denn das linoleumartige Material war nicht nur unempfindlich, stabil und abwaschbar.

Was ist Lincrusta

Durch die ornamentale Optik und die reliefartigen Strukturen erinnerte es an Stuck und konnte so auch in Sachen Aussehen überzeugen. Die Rede ist von Lincrusta.

Und was es genau damit auf sich hat,
schauen wir uns in diesem Beitrag an:

Was ist Lincrusta?

Der Name Lincrusta, manchmal auch Linkrusta geschrieben, ist ein Kunstwort aus den beiden lateinischen Begriffen linum für Leinen und crusta für harte Schale oder Relief.

In seiner Zusammensetzung ähnelt das Material Linoleum. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Denn entwickelt wurde Lincrusta vom englischen Chemiker Frederick Walton, der zuvor schon das Linoleum erfunden hatte.

Als Wandbelag zeichnet sich Lincrusta durch seine hohe Festigkeit aus. Sie macht es möglich, dass verschiedenste Ornamente und Muster abgebildet werden können. Dabei treten die Motive reliefartig hervor und sehen deshalb aus wie Stuck.

Gleichzeitig ist Lincrusta robust, schlag- und druckfest, unempfindlich und wasserbeständig. Damit erfüllt Lincrusta alle Anforderungen, die an einen dauerhaften, hygienischen und dekorativen Wandbelag gestellt werden.

Die Herstellung von Lincrusta

Um den Wandbelag herzustellen, wird zunächst die Lincrusta-Masse angefertigt. Sie besteht aus oxidiertem Leinöl, Kolophonium, Kopalharz und Holzmehl. Je nach Muster kommen dann noch unterschiedliche Farb- und Füllstoffe dazu.

Noch in heißem Zustand wird die Masse mit Musterwalzen auf einen Trägerstoff aufgebracht. Während früher auch gewebte Stoffe aus Jute, Baumwolle, Leinen oder Hanf verwendet wurden, kommt heute nur noch festes Papier als Träger zum Einsatz.

Wenn die Lincrusta-Masse getrocknet und abgekühlt ist, können die Bahnen wie ganz normale Tapeten aufgerollt werden. Schon in diesem Zustand ist Lincrusta stabil, druck- und schlagfest. Durch die Verbindung mit Sauerstoff wird der Wandbelag im Laufe der Zeit aber noch widerstandsfähiger.

Und wer seiner Lincrusta-Tapete eine individuelle Note verleihen möchte, kann sie mit Wandfarben bemalen, mit Lacken verzieren oder mit Blattgold ausgestalten.

Die Geschichte der Lincrusta-Tapete

Die Einführung des neuartigen Wandbelags fand im Jahr 1877 statt. Zunächst hatte Frederick Walton das Material noch „Linoleum Muralis“ genannt. Doch weil sich schnell herausstellte, dass die Lincrusta-Tapete auf große Begeisterung stieß, ersetzt er den ursprünglichen Namen durch „Lincrusta-Walton“.

Auf diese Weise wollte der Erfinder vermeiden, dass andere Firmen ein ähnliches Material unter dem gleichen Namen auf den Markt bringen würden. Inzwischen ist Lincrusta als Marke geschützt.

Vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Lincrusta-Tapete sehr beliebt. Schließlich war sie unempfindlich, konnte abgewaschen werden und sah dazu noch überaus ansprechend aus.

So wurden zum Beispiel das Weiße Haus in Washington, die Carnegie Hall in New York, das Café Royal in London oder das Raffles Hotel in Singapur mit dem neuartigen Wandbelag ausgestattet.

Auch die luxuriösen Waggons von Eisen- und Schwebebahnen sowie einige Prachtkabinen der Titanic bekamen die chice Wandverkleidung. In Bürgerhäuser hielt die Tapete ebenfalls Einzug. Hier zierte sie vor allem Treppenaufgänge, aber auch Bibliotheken und Salons.

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1884 wurde in Hannover die erste Lincrusta-Walton Fabrik in Deutschland gegründet. Diese Fabrik gibt es inzwischen nicht mehr. In England werden Tapeten, Bordüren und Friese aus Lincrusta aber noch immer hergestellt, und das nach der alten Rezeptur, aus natürlichen Materialien und nach der traditionellen Methode.

Die Einsatzorte für Lincrusta

Lincrusta bietet sich für Wandflächen an, die mechanischen Einwirkungen ausgesetzt sind und schnell schmutzig werden können. Flure und Treppenhäuser, aber auch Esszimmer und Wohnzimmer sind klassische Einsatzorte.

Hier wird der Wandbelag meist als eine Art Sockel angebracht. Möglich ist aber auch, eine Wand mit dem dekorativen Muster in Szene zu setzen.

Weil Lincrusta wasserbeständig ist und abgewaschen werden kann, eignet sich das Material außerdem für Räume mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. So kann eine Lincustra-Tapete sehr gut im Bad verarbeitet werden oder den Fliesenspiegel in der Küche ersetzen.

Erhältlich sind Lincrusta-Tapeten in gut sortierten Fachgeschäften und in Online-Shops. Die Rollen haben die Standardmaße von 10 x 0,53 Metern. Allerdings ist der edle Wandbelag durch den aufwändigen Herstellungsprozess nicht ganz billig. Ein Quadratmeter (nicht eine Rolle!) kostet ab etwa 60 Euro.

Wegen dieser hohen Preise ist Lincrusta inzwischen ein luxuriöses und exklusives Material geworden, das oft bei der Restaurierung von historischen Gebäuden zum Einsatz kommt.

Übrigens:

Eine Alternative zu Lincrusta können Analgylpta Tapeten sein. Sie bestehen aus geprägtem Papier und Zellulosevlies. Analgylpta Tapeten sehen optisch ähnlich aus. Sie haben zwar nicht die gleichen Eigenschaften wie Lincrusta, sind dafür aber deutlich preiswerter.

Die Verarbeitung von Lincrusta

Lincrusta wird im Prinzip wie eine normale Tapete an die Wand gebracht. Der Untergrund muss dafür glatt und trocken sein. Die Lincrusta-Tapete wird mit einem speziellen Kleister für dieses Material bestrichen und die Bahn nach einer kurzen Einwirkzeit auf die Wand geklebt.

Im Unterschied zu einer herkömmlichen Tapete wird Lincrusta an Innenecken aber auf Gehrung geschnitten.

Ist die Wandfläche tapeziert, wird ein Anstrich aufgetragen. Dieser kann auf Öl- oder Acrylbasis sein und besteht üblicherweise aus einer Grundierung und zwei Farbschichten. Wer möchte, kann anschließend noch eine dekorative Deckschicht auftragen.

Statt das Muster durch Farben zu betonen, kann die Wand aber auch Ton in Ton gehalten werden. Dann sorgt das Muster durch die reliefartige Struktur für interessante Schattenspiele.

Der Anstrich macht Lincrusta nahezu grenzenlos haltbar. Und wenn die Optik irgendwann nicht mehr gefällt, kann die Wandfläche durch neue Farbschichten jederzeit umgestaltet werden.

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Ferya Gülcan, Künstlername "Feryal" Kunstmalerin und Fotografin, Norbert Sachmann, Galerist, Christian Gülcan (RZA) Kunstmaler und Inhaber diverser Kunstportale schreiben hier Wissenswertes zur internationalen Kunst, Galerien, Maltechniken und Kunstgeschichte.

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