Farbkontraste Teil II

Farbkontraste Teil II

Im ersten Teil dieser Reihe ging es darum, was Kontraste überhaupt sind, wie sie entstehen und warum sie für die Malerei eine große Rolle spielen. Außerdem wurden mit dem Farbe-an-sich-, dem Hell-Dunkel- und dem Kalt-Warm-Kontrast drei Typen von Farbkontrasten vorgestellt. In Teil II geht es nun mit den übrigen Farbkontrasten weiter.

Der Qualitätskontrast

Der Qualitätskontrast ist die Folge von unterschiedlichen Farbqualitäten. Die Farbqualität wiederum ergibt sich aus dem Sättigungsgrad der jeweiligen Farbe. Je reiner eine Farbe ist, desto gesättigter ist sie und desto intensiver ist ihre Leuchtkraft. Aus diesem Grund wird der Qualitätskontrast auch Sättigungskontrast oder Intensitätskontrast genannt.

Um den Sättigungsgrad einer reinen Farbe zu verändern und dadurch gleichzeitig die Farbintensität zu reduzieren, gibt es vier Möglichkeiten:

  1. Mischen mit Schwarz: Wird einer reinen Farbe Schwarz hinzugefügt, verliert der Farbton an Leuchtkraft. Die neue Farbe wirkt düsterer und fahler als der Ausgangston. Teilweise entsteht auch eine ganz andere Farbe. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Gelb mit Schwarz eingetrübt wird.
  2. Mischen mit Weiß: Wird einer reinen Farbe Weiß beigemischt, entsteht ein Pastellton. Dieser neue Farbton ist heller und wirkt gleichzeitig kühler als die ursprüngliche Farbe.
  3. Mischen mit Grau: Das Hinzufügen von Grau lässt eine Farbe heller oder dunkler erscheinen, je nachdem um welche Ausgangsfarbe es sich handelt und je nach Helligkeitsgrad des Grautons. Der neue Farbton wirkt jedoch immer trüber und etwas neutraler als der Originalfarbton.

Mischen mit der Komplementärfarbe: Wird eine Farbe mit ihrer Komplementärfarbe vermischt, entsteht ein stumpfes Grau. Wird nur wenig Komplementärfarbe hinzugefügt, wird der Ausgangston gedämpft und wirkt stumpfer.

Besonders wirkungsvoll ist der Qualitätskontrast, wenn reine Farben auf getrübte, stumpfe Farben treffen. Allerdings hängt der Qualitätskontrast immer stark vom Umfeld ab. So wird beispielsweise ein stumpfes, trübes Gelb auf einer dunkelroten Farbfläche immer noch intensiv leuchten, während es auf einer weißen Fläche kraftloser wirkt. In der Malerei kann der Qualitätskontrast auch genutzt werden, um Räumlichkeit zu simulieren. Dies liegt daran, dass reine, leuchtende Farben in den Vordergrund streben und umgekehrt stumpfe, trübe Farben in den Hintergrund zurücktreten.

 

Der Quantitätskontrast

Der Quantitätskontrast ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen der Menge der verwendeten Farben oder der Größe der Farbflächen zueinander und zum Bildträger. Deshalb kann der Quantitätskontrast auch mit Adjektivpaaren wie viel – wenig, klein – groß oder dünn – dick beschrieben werden.

Auf einem Bild haben warme und helle Farben eine stärkere Wirkung als kalte und dunkle Farben. Um dieser Wirkung entgegenzusteuern und einen harmonischen Ausgleich zu schaffen, kann der Anteil an dunklen und kühlen Farbflächen erhöht werden. Nach Goethes Farbenlehre entspricht beispielsweise ein Teil Gelb drei Teilen Violett.

Um ein harmonisches Gleichgewicht zu schaffen, müsste bei einem Bild also eine gelbe Farbfläche einer dreimal so großen Farbfläche in Violett gegenüberstehen. Eine harmonische Farbverteilung lässt ein Bild ruhig wirken. Umgekehrt verleiht eine unausgewogene Farbverteilung einem Bild Spannung. Dieser bewusste Einsatz des Quantitätskontrastes ist ein charakteristisches Stilmittel im Expressionismus.

 

Der Komplementärkontrast

Der Komplementärkontrast beruht auf dem Kontrast zwischen zwei Komplementärfarben. Komplementärfarben sind Ergänzungsfarben und jede Farbe hat nur eine einzige Ergänzungsfarbe. Auf Ittens Farbkreis gibt es drei komplementäre Farbenpaare, nämlich Gelb – Violett, Blau – Orange und Grün – Rot. Im Farbkreis liegen sich diese Farbenpaare gegenüber, weil die Gegensätzlichkeit bei ihnen am größten ist.

Gleichzeitig sorgt gerade diese Gegensätzlichkeit dafür, dass sich die Farben gegenseitig steigern. Sie entfalten ihre intensivste Farb- und Leuchtkraft dann, wenn sie nebeneinander auftreten. Durch den gezielten Einsatz des Komplementärkontrastes wirkt ein Bild bunt, lebendig, harmonisch und in sich geschlossen. Diesen Effekt nutzt unter anderem der Pointillismus.

 

Der Simultankontrast

Der Simultankontrast ergibt sich aus der Wechselwirkung zwischen zwei Farbflächen, die nebeneinander liegen. Je nachdem, in welchen Farbtönen die Flächen angelegt sind, wirkt der Kontrast zwischen den beiden Farbflächen stärker oder schwächer. Der Simultankontrast ist allerdings kein Kontrast, der tatsächlich vorhanden ist. Er ergibt sich also nicht direkt aus den Farben als solches.

Stattdessen ist er die Folge der subjektiven Wahrnehmung. Das menschliche Auge ergänzt wahrgenommene Farben automatisch durch ihre entsprechenden Komplementärfarben, um durch diese Korrektur einen Ausgleich zu schaffen und damit das Erkennen der Farbe als Ganzes zu ermöglichen. Ein weißes Quadrat auf einem roten Hintergrund beispielsweise nimmt der Betrachter nicht als reinweißes Quadrat wahr, sondern das Quadrat scheint einen leicht rötlichen Schimmer zu haben.

Genauso wirkt ein grauer Kreis auf einem gelben Hintergrund heller und bläulicher als der gleiche Kreis auf einem weißen Hintergrund. Simultankontraste entfalten ihre größte Wirkung, wenn Farben aufeinandertreffen, die im Farbkreis direkte Nachbarn sind. In Kombination mit dem Quantitätskontrast lässt sich die Kontrastwirkung dann noch zusätzlich steigern.

 

Der Sukzessivkontrast

Wenn eine Farbfläche intensiv betrachtet wird, werden die Sehzellen in diesem Zeitraum gleichmäßig gereizt. Dabei werden die funktionellen Substanzen in den Sehzellen verbraucht. Wird der Blick nun abgewendet oder werden die Augen geschlossen, entsteht ein Nachbild in der Komplementärfarbe der betrachteten Farbfläche.

Hat der Betrachter beispielsweise auf ein rotes Quadrat geschaut, sieht er als Nachbild ein blassgrünes Quadrat. Da dieses Nachbild erst anschließend auftaucht, wird vom Sukzessivkontrast gesprochen. Wie der Simultankontrast ist auch der Sukzessivkontrast kein real vorhandener Kontrast, sondern beruht auf der biologischen Korrekturfunktion des menschlichen Auges.

In der Systematik von Itten taucht der Sukzessivkontrast nicht als eigenständiger Farbkontrast auf, sondern wird als ein Phänomen genannt, das auf dem gleichen Prinzip beruht wie der Simultankontrast. Besonders deutlich tritt der Sukzessivkontrast bei Flächen aus reinen, ungetrübten Farbflächen in Erscheinung.

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