Der Stuhl als Einrichtungsgegenstand und Designobjekt

Der Stuhl als Einrichtungsgegenstand und Designobjekt

In der Schule, am Arbeitsplatz, am heimischen Schreibtisch, beim Essen: Wir verbringen viel Zeit im Sitzen und den Großteil dieser Zeit sitzen wir auf Stühlen. Der Stuhl gehört zu den Einrichtungsgegenständen, die in praktisch jeder Wohnung zu finden sind.

Dabei soll der Stuhl einerseits praktisch sein und ein bequemes Sitzen ermöglichen. Andererseits soll er optisch etwas hermachen. Einige Stühle sind so ausgefallen, dass sie wahre Kunstwerke sind. Andere Stühle haben sich durch ihre markante Form zu echten Designklassikern entwickelt. Grund genug, sich einmal näher mit dem Stuhl zu beschäftigen – als Einrichtungsgegenstand und als Designobjekt.

Der Stuhl als Symbol für Macht

Lange Zeit war das Sitzen auf einem Stuhl Würdenträgern hoher Ämter vorbehalten. Für die einfachen Leute diente der Boden als Sitzfläche. Nur die Herrschenden und Mächtigen saßen auf einem Stuhl, der dann Richterstuhl, Bischofssitz oder Thron war.

Die ersten Stühle waren noch sehr niedrig. Ihre Rückenlehnen waren gebogen und ihre geschnitzten Beine zeigten oft Tierfiguren. Aber weil das normale Volk auf dem Boden saß, reichte die geringe Sitzhöhe aus, um die erhabene Stellung unübersehbar zu verdeutlichen. Tatsächlich war dies auch die wesentliche Funktion der frühen Stühle.

Es ging damals noch nicht darum, einen bequemen Sitzplatz zu schaffen. Wer es sich gemütlich machen wollte, nahm eine liegende Position ein. Allmählich sollte sich dies zwar ändern. Ein Stuhl blieb aber lange Zeit ein so teures und exklusives Möbelstück, dass es nur für den Klerus und den Adel erschwinglich war.

Erst im 16. Jahrhundert verlor der Stuhl seinen Status als Machtsymbol. Er wurde zum gängigen Gebrauchsgegenstand und hielt Einzug in die Haushalte. Bei den Stühlen seinerzeit stand der praktische Nutzen im Vordergrund.

Deshalb wurden sie meist aus Eiche gefertigt und nicht gepolstert. Im Barock kam dann, hauptsächlich ausgehend vom Adel, der Wunsch auf, bequem zu sitzen. Dies führte dazu, dass die Stühle fortan mit Sitzflächen gebaut wurden, die gepolstert und mit Samt oder Leder bezogen waren. In der Zeit des Absolutismus waren es insbesondere die französischen Königshäuser, die das Design und den Geschmack in Sachen Mobiliar entscheidend prägten.

Im Folgejahrhundert revolutionierten Möbeltischler aus Großbritannien das Stuhldesign. Ihr berühmtester Vertreter ist Thomas Chippendale, der die Rückenteile mit einem Lochmuster versah und den Stühlen so ihre schwere, kompakte und massive Optik nahm.

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts war der Biedermeierstuhl das typische Sitzmöbel in bürgerlichen Haushalten. Der Biedermeierstuhl war handwerklich hervorragend verarbeitet und verfügte über eine bequeme Sitzfläche, die meist mit Rosshaar gepolstert war.

Der Stuhl als Massenware

Die serienmäßige Stuhlproduktion in Fabriken begann um 1850. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielten die Gebrüder Thonet. Michael Thonet entwickelte eine Technik, die es ihm ermöglichte, Bugholzmöbel herzustellen.

Dazu wurde das Holz in Leim gekocht und anschließend unter Dampf in Form gebogen. Mit der Vorstellung seines ersten Bugholzstuhles gelang es Thonet nicht nur, die Stuhlherstellung aus dem Schreinerhandwerk in die industrielle Serienfertigung zu überführen, sondern er läutete gleich eine neue Ära des Stuhldesigns ein.

Der Thonet-Stuhl mit der Bezeichnung No. 14, der gerade einmal aus sechs Buchenholzteilen, zehn Schrauben und zwei Muttern besteht, wurde zum weltweiten Verkaufsschlager. Die Gebrüder Thonet errichten zahlreiche Fabriken von Chicago bis Moskau und brachten jedes Jahr rund 15 Millionen Thonet-Stühle auf den Markt. Bis heute ist der Thonet-Stuhl No. 14 ein echter Klassiker und typisch für den Wiener Kaffeehaus-Stil.

Der Stuhl als Ausdruck moderner Ästhetik

Den Grundstein für das moderne Stuhldesign legte Gerrit Rietveld mit seinem rotblauen Stuhl. Der niederländische Designer reduzierte den Stuhl auf seine geometrischen Elemente und schuf dadurch ein Möbelstück, das zu einem Inbegriff für die klassische Moderne wurde.

In Deutschland und hier vor allem im Zusammenhang mit dem Bauhaus waren die Möbeldesigner ebenfalls sehr kreativ und experimentierfreudig. Sie arbeiteten mit ungewöhnlichen Materialien und kreierten noch nie dagewesene Formen. Ein prominenter Vertreter dieser Zeit ist Marcel Breuer. Als Erster verarbeitete er gebogenes Stahlrohr und schuf so bekannte Stuhlmodelle wie den Wassily Chair und den Freischwinger B64 Cesca.

Die Idee des Freischwingers, einem Stuhl ohne Hinterbeine, stammt zwar vom niederländischen Designer Mart Stam. Sein Stuhl federte aber nicht und war deshalb auch kein echter Freischwinger. Mies van der Rohe arbeitete die Idee des Stuhls ohne Hinterbeine weiter aus. Er nahm federndes Stahlrohr und formte daraus einen Bogen, der die beiden Kufen in einem Stück mit der Sitzfläche verband. Damit war unter dem Namen MR 10 der erste wahre Freischwinger geboren. Überhaupt entwickelte sich Stahlrohr zum Lieblingsmaterial der damaligen Designer.

Sie machten es sich zum Ziel, einerseits ästhetische Möbelstücke mit klaren, avantgardistisch kühlen Formen zu kreieren. Andererseits sollten die Möbel für jedermann erschwinglich sein. Den Modegeschmack eines breiten Publikums trafen die modernen Designklassiker aber erst Jahrzehnte später.

Der Stuhl aus Plastik

Die klaren, geradlinigen Entwürfe der europäischen Designer stießen in den USA auf wenig Gegenliebe. Hier war stattdessen das Interesse an organischen und stromlinienförmigen Designs groß. Ein Stuhl, der genau diesen Geschmack traf, entstand durch einen Wettbewerb des New Yorker Museum of Modern Art. Das Designerpaar Charles und Ray Eames entwarf nämlich einen Stuhl mit einer Sitzschale aus Kunststoff.

Der Schalenstuhl konnte industriell gefertigt und dadurch preiswert angeboten werden. Gleichzeitig sorgte Kunststoff als Material dafür, dass der Stuhl in verschiedenen Farben eingefärbt werden konnte und angenehm leicht war.

Der Organic Armchair fand begeisterte Abnehmer auf der ganzen Welt und so brachte das Designerpaar nach und nach eine ganze Serie von Schalenstühlen und -sesseln auf den Markt. Die Idee des Schalenstuhls entwickelte das Paar außerdem weiter. So entstand später der DKR Wire Chair, der erste Stuhl aus verschweißten Stahldrähten.

Die Idee des Plastikstuhls wurde auch in Deutschland aufgegriffen und weiterentwickelt. Ein Meilenstein in diesem Zusammenhang ist der Bofinger-Stuhl von Helmut Bätzner. Der Plastikstuhl des deutschen Architekten war der erste Stuhl, der in einem Stück in einem Druckgussverfahren gefertigt werden konnte. Die Herstellung dauerte wenige Minuten, eine Nachbehandlung war praktisch nicht notwendig.

Der revolutionäre Plastikstuhl wurde auf der Kölner Möbelmesse 1966 präsentiert und zum Vorbild für unzählige andere Kunststoffstühle. Einer davon ist der Aurora-Plastik Stuhl, der bequem, stapelbar, kostengünstig und bis heute in zahlreichen Gärten und auf Restaurant-Terrassen zu finden ist.

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