Was ist Surrealismus?

Was ist Surrealismus?

Zerfließende Uhren, gesichtslose Menschen und Bildobjekte, die daran zweifeln lassen, ob das Dargestellte wirklich das ist, was es zu sein scheint: Der Surrealismus stellt nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern auch die Wirklichkeit als solches in Frage.

Er schafft eine neue Wirklichkeit, indem er das Unbewusste, den Traum, den Wunsch und die Fantasie in den Vordergrund rückt. Der Surrealismus lässt das Unwirkliche wirklich werden und schafft dadurch eine Realität, die über und gleichzeitig jenseits der echten Realität steht.

 

Was ist Surrealismus?

Der Begriff Surrealismus setzt sich aus den Wörtern sur für über und Realismus für Wirklichkeit zusammen. Der Name dieser Kunstrichtung ist also tatsächlich Programm. Seine Blütezeit erlebt der Surrealismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Surrealisten wenden sich von der Darstellung der Realität ab und widmen sich stattdessen dem Unbewussten. Sie möchten den Traum, die Wunschvorstellung und das Unterbewusste miteinander verbinden, um so eine neue Wirklichkeit zu schaffen, die über die Realität hinausgeht.

Gründer und Wegbereiter des Surrealismus war der Dichter André Breton. In seinem „Surrealistischen Manifest“, das er 1924 in Paris vorstellt, gibt er das Ziel der Bewegung so aus: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.“ Die Idee, die Vision und die Wirklichkeit miteinander verschmelzen zu lassen, findet schnell Zuspruch.

Der Surrealismus verbreitet sich zunächst in Europa und erreicht dann auch die USA. Sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Literatur wird der Surrealismus zu einer bedeutenden Strömung. Im Unterschied zur Malerei der vorausgehenden Jahrhunderte kennzeichnet sich die surrealistische Weltsicht dadurch, dass sie von der Realität ausgeht und gleichzeitig über sie hinausgeht.

Auch der Surrealismus arbeitet mit einer gegenständlichen und naturalistischen Darstellung. Aber er verfremdet die Objekte so stark, dass der Betrachter kaum noch zwischen Realität und Phantasie unterscheiden kann. Für seine Darstellung wiederum greift der Surrealismus auf verschiedene künstlerische Mittel zurück.

 

Wo hat der Surrealismus seine Wurzeln?

Ab etwa 1919 versammeln sich die ersten surrealistischen Künstler um Breton. Sechs Jahre später geben sie sich selbst den Namen Surrealisten. Dazu übernehmen sie den Untertitel des Dramas „Les Mamelles de Tirésias. Drame surréaliste“ von Guillaume Apollinaire.

Dabei sind sie alle Dadaisten. Der Dadaismus war eine kämpferische und satirische Bewegung, die um 1915 als Protest gegen den Ersten Weltkrieg und das nationalistische Bürgertum entstanden war. Er verstand sich als Erklärung für den Zufall und die Sinnlosigkeit der unheilvollen Wirklichkeit. Und eben dieses sinnlose und zufällige Unheil sollte im Dadaismus durch einen ebenso zufälligen, inhaltsleeren Protest zum Ausdruck kommen. Im Unterschied dazu wollen die Surrealisten eine neue Kunst erschaffen. Sie streben nach einer Ästhetik, die die Realität mit traditionellen Mitteln wahrnimmt und in einer neuartigen Wirklichkeit abbildet.

Aus geisteswissenschaftlicher und philosophischer Sicht ist Sigmund Freuds Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und dem Unterbewusstsein ein maßgeblicher Einflussfaktor. Vor allem die Ausführungen zur Traumdeutung, die der österreichische Psychoanalytiker um 1900 veröffentlicht, schlagen sich in der Arbeit der Surrealisten nieder. Sie behalten den revolutionären und antikapitalistischen Charakter des Dadaismus bei und beschäftigen sich gleichzeitig mit den Tiefenstrukturen des menschlichen Seelenlebens. In der Folge stellen sie die unbewussten, spontanen Einfälle über die logische und rationale Überlegung.

 

Welche Maltechniken nutzt der Surrealismus?

Mit dem Anspruch, die Kunst zu revolutionieren und ihre eine neue Unabhängigkeit zu geben, erarbeiten die Surrealisten völlig neuartige Ausdrucksformen. Sie nutzen zwar auch weiterhin klassische Malmittel wie den Bleistift, die Zeichenkohle oder die Ölfarbe.

Aber genauso entwickeln sie bis dahin unbekannte Techniken. Hierzu gehören in erster Linie die Collage, die Frottage und die Grattage. Bei der Collage lassen alte Materialien wie Stoffreste oder Papierschnipsel ein neues Ganzes entstehen. Insbesondere Pablo Picasso und George Braque verhelfen der Collage zu Bekanntheit. Bei der Frottage wird der Malgrund auf Holz, Stein oder eine andere Oberfläche mit markanter Struktur aufgelegt.

Durch Reiben und Übermalen mit einem weichen Bleistift wird die Struktur dann auf den Malgrund übertragen, um anschließend mit Farbe zu einem neuen Bild ausgearbeitet zu werden. Der deutsche Maler Max Ernst ist ein berühmter Vertreter dieser Technik. Bei der Grattage wiederum werden erst mehrere Farbschichten übereinandergelegt und danach stellenweise wieder abgekratzt. Dadurch kommen neue Farbmuster zum Vorschein.

 

Wie arbeiten die Surrealisten?

Das wirklich Neuartige am Surrealismus sind aber weniger die verwendeten Materialien oder die eingesetzten Maltechniken. Stattdessen ist es vielmehr der künstlerische Schaffensprozess als solches. Die Surrealisten streben danach, sich vom Verstand und der einschränkenden Logik vollkommen zu befreien, um dadurch der impulsiven Stimmung und dem künstlerischen Unterbewusstsein den Weg zu öffnen.

Um dieses Ideal zu erreichen, kommt unter anderem das sogenannte Automatische Schreiben zum Einsatz. Bei dieser Technik schaltet der Künstler seinen Verstand komplett aus und folgt stattdessen ausschließlich seinen spontanen Eingebungen. Er denkt nicht nach, sondern setzt mit seinem Stift, seiner Kreide oder seinem Pinsel das um, was ihm sein künstlerischer Wille vorschlägt.

Neben Visionen und Assoziationen spielen im surrealistischen Schaffensprozess Traum- und Rauschzustände eine entscheidende Rolle. Viele Surrealisten arbeiten im Halbschlaf oder behelfen sich mit Alkohol und Drogen, um einen Zustand zu erreichen, der ihr Bewusstsein dämmt und es ihnen ermöglicht, ihre Traum- und Fantasiewelten im Bild festzuhalten.

Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo, die zu den ganz großen Namen des Surrealismus gehört, ist vor allem für ihre Selbstbildnisse bekannt. Im Unterschied zu vielen ihrer Kollegen verspürt sie nie die Notwendigkeit, ein visionäres Erleben künstlich hervorzurufen. Stattdessen erklärt sie, dass sie schlichtweg das male, was sie sehe. Angesichts ihrer Arbeiten ist dies ein gutes Beispiel für das surrealistische Selbstverständnis.

Parallel zu den Künstlern, die mit innovativen Techniken und neuartigen Gestaltungsprozessen eine neue Kunstform schaffen möchten, gibt es im Surrealismus eine zweite Strömung. Ihr Ziel ist, den Betrachter dazu zu bringen, seine Wahrnehmung zu hinterfragen und zu verändern. Salvador Dali oder René Magritte beispielsweise gestalten dazu gegenständlich-realistische und überaus detaillierte Bildmotive, die sie aber durch eine neuartige, ungewohnte Darstellungsweise oder durch das Einbetten in eine unwirkliche, außergewöhnliche Umgebung verfremden.

Dalis zerfließende Uhren oder seine Elefanten mit Spinnenbeinen sind so realistisch gemalt und zugleich derart verfremdet, dass der Betrachter nicht ausmachen kann, wie viel alltägliche Wirklichkeit und wie viel visionärer Traum in den Bildmotiven steckt. Magritte wiederum spielt mit den Zweifeln des Betrachters daran, ob das Dargestellte wirklich das ist, was es zu sein scheint. Vor allem seine Werke mit den Figuren ohne Gesichtszüge sind in diesem Zusammenhang berühmt. Denn sie stellen den Betrachter vor die Frage, ob das, was er sieht, tatsächlich die Realität sein kann.

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