Kunst und Künstler – und ihr Weg in die Moderne, 4. Teil

Kunst und Künstler – und ihr Weg in die Moderne, 4. Teil

Vom traditionellen Kunsthandwerker bis zum freien Künstler der Moderne war es eine lange Entwicklung. Neue Sichtweisen und veränderte Denkmuster, die mit historischen Umbrüchen einhergingen, aber auch gesellschaftliche Wandel und nicht zuletzt der technische Fortschritt waren prägende Meilensteine bei dieser Entwicklung.

In einem mehrteiligen Beitrag schauen wir uns die Kunst, den Künstler und ihren Weg in die Moderne einmal genauer an. Denn dieses Wissen hilft dabei, die Ansätze der modernen Kunst besser zu verstehen.

Hier ist der 4. und letzte Teil der Beitragsreihe:

 

Neue Maschinen läuten die Industrialisierung ein

Lange Zeit sind die Herrschaftszentren und die Handelsstädte die Finanz- und die Kulturzentren. Das soll sich ändern, als die Dampfmaschine erfunden wird. Kohlevorkommen werden erschlossen und andere Rohstoffe aus den Kolonien importiert. Plötzlich werden Regionen, die bislang eher unbedeutend waren, zu interessanten Wirtschaftsstandorten. Das Zeitalter der Industrialisierung beginnt. Die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt werden ausgebaut, um die neuen Wirtschaftsräume flächendeckend zu erschließen.

In den 1830-Jahren gelingt es erstmals, Nachrichten telegraphisch zu übertragen. Informationen können so nun noch am selben Tag in der ganzen Welt verbreitet werden. Folglich kommen zunehmend mehr Zeitungen und Journale auf den Markt.

Rund 30 Jahre später wird ein Fernsprecher erfunden und ein Prinzip, das es ermöglicht, Töne zu übertragen, entwickelt. Bis das erste funktionierende Telefon zur Verfügung steht, soll es aber noch etwas dauern. Trotzdem eröffnen sich durch die vielen neuen Maschinen und Geräte mindestens genauso viele neue Möglichkeiten.

 

Die Schattenseiten der Industrialisierung

Doch die Industrialisierung hat auch ihre Schattenseiten. Ganze Bevölkerungsgruppen werden arbeitslos. Viele Menschen müssen in die Städte umsiedeln und aus Bauern und Handwerkern, die zuvor selbstständig waren, werden nun Fabrikarbeiter. Die Fabriken wiederum verfolgen keine christlich-moralischen Ziele.

Stattdessen sind sie reine Wirtschaftsunternehmen und einzig auf Gewinn und Profitmaximierung ausgelegt. Die Arbeiter haben keine Rechte, ihre Bedürfnisse spielen keine Rolle. Es gibt keine sozialen Absicherungen, so etwas wie Kündigungsschutz, Krankengeld oder Rente sind völlig unbekannt. Es gibt auch keine Gesetze, die die Arbeitszeiten regeln oder die Kinderarbeit einschränken. Die Fabrikarbeiter werden vielmehr als Wesen betrachtet, die ebenso zuverlässig zu funktionieren haben wie die Maschinen, die sie bedienen.

 

Das Prinzip Adel verpflichtet gilt nicht mehr

In den vorhergehenden Jahrhunderten fing die Gesetzgebung wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen auf. Es galt das Prinzip Adel verpflichtet und dieses Prinzip brachte mit sich, dass die Grundbesitzer und die Gilden für das Wohlergehen der Menschen, die von ihnen abhängig waren, verantwortlich waren.

Sie waren in der Pflicht, wenn es um Unterstützung bei Armut, bei Krankheit oder im Alter ging. Das Zeitalter der Industrialisierung führt zu einer grundlegenden Neuorganisation. War der Zutritt zu den einzelnen Berufsgruppen bisher durch die Stände geregelt und nur durch das Einheiraten oder den Erwerb einer verwaisten Gewerbebefugnis möglich, wird das Ständesystem nun liberalisiert. Neuansiedlungen von Unternehmen werden gefördert, das Bürgertum entwickelt neue Organisationsformen. Berufsverbände werden gegründet und ein neues Bewusstsein für einen Staat als übergeordnete und flächendeckende Einheit entsteht.

 

Der Nationalstaat entsteht

Bislang hatten die Adelshäuser die Regenten gestellt und Dinge wie Politik, Wirtschaft oder Kriege wurden als deren Interessen wahrgenommen. Mit der Industrialisierung verändert sich die Lebensweise. Traditionelle Verhaltensweisen und Denkmuster werden durch den sozialen Wandel aufgelöst. Der Adel und die Landbevölkerung verlieren an Bedeutung, während die Arbeiterbevölkerung zur dominierenden Gesellschaftsschicht wird.

Die Arbeiterbewegung und der Sozialismus werden zu zentralen Begriffen. Mit dem Nationalstaat bildet sich eine neue politische Institution und durch das neue Bewusstsein für eine Staatsbürgerlichkeit werden militärische oder politische Niederlagen als nationale Demütigungen wahrgenommen. Das aufstrebende Bürgertum prägt nun den Zeitgeist, die Kultur und die Kunst. Es ist nicht mehr der Adel, der den Staatshaushalt stellt und damit auch die ihm schmeichelnde Kunst finanziert. Vielmehr geben die Bürger vor, welche Kunst ihnen gefällt.

 

Bildung soll für alle möglich sein

Die neuen Nationalstaaten in Europa machen es sich zum Ziel, allen Bürgern die gleichen Aufstiegschancen zu bieten. Die Bildung soll keine Frage der gesellschaftlichen Schicht oder der Religion mehr sein.

Ein erster und wichtiger Schritt in diesem Zusammenhang ist die Einführung einer allgemeinen Schulpflicht. Tatsächlich bleibt die Bildung aber letztlich doch den Kindern aus wohlhabenden Familien vorbehalten. Denn die Kinder aus einfachen Arbeiterfamilien verlassen die Schule meist sehr früh, um arbeiten zu gehen und so etwas zum Familienunterhalt beizutragen.

In Deutschland wird außerdem die Kirche dem Staat untergeordnet. Die verschiedenen Religionen werden gleichgestellt. Die Theologie und die religiöse Weltanschauung verlieren an Bedeutung, während gleichzeitig eine Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln erfolgt. So kommen in Deutschland die germanischen Wurzeln wieder zum Tragen, Frankreich und England sehen sich als Nachfahren Roms.

Damit wird der Grundstein für einen spezifischen Nationalcharakter mit eigenen Vorstellungen in Sachen Ethik und Moral gelegt. In diesem Zuge entwickelt sich aber auch eine neue Form des Rassismus. Sie begründet sich darin, dass sich die Europäer den Kulturen in den Kolonialgebieten gegenüber überlegen fühlen.

 

Der Freie Künstler agiert auf dem freien Kunstmarkt

Das Zeitalter der Industrialisierung verändert auch die Kunst maßgeblich. Ein Grund hierfür ist, dass es der technische Fortschritt ermöglicht, Farben sehr viel schneller und einfacher zu produzieren. Folglich steht den Künstlern mehr Arbeitsmaterial in größerer Auswahl zur Verfügung, das sie verarbeiten können.

Viele Künstler gehen dazu über, ihr Angebot, das bislang vor allem aus großformatigen, wohldurchdachten Gemälden für die Akademien bestand, um kleinere, schnell gemalte Bilder zu erweitern. Denn gerade diese kleineren Bilder sind bei der bürgerlichen Gesellschaftsschicht sehr beliebt. Die ständig wachsende Mittelschicht und das wohlhabende Bürgertum suchen nach schönen Bildern für ihre Haushalte und entpuppen sich so als wichtige Käufer.

Diese Entwicklung führt dazu, dass nun nicht mehr die Akademien über den Kunstmarkt, den Künstlerstatus und das Honorar der Künstler bestimmen. Stattdessen entsteht ein Kunstmarkt und auf diesem Kunstmarkt regeln Angebot und Nachfrage den Status eines Künstlers und den Wert seiner Werke. Damit ist der Freie Künstler, der sich auf dem ebenso freien Kunstmarkt behaupten muss, geboren.

Kunsthändler organisieren Kunstausstellungen, um die Arbeiten ihrer Schützlinge zu vermarkten. Einigen Künstlern gelingt es, sich einen Namen zu machen und mit ihren Bildern so viel Geld zu verdienen, dass sie von ihrer Kunst leben können. Anderen Künstlern gelingt es weit weniger gut, mit ihren Arbeiten den Geschmack potenzieller Käufer zu treffen. Folglich erarbeiten sie immer wieder neue Kunstrichtungen und -stile. Immer in der Hoffnung und mit dem Anspruch, das, was die Menschen aktuell bewegt, in einer neuen, modernen Form auf der Leinwand zum Ausdruck zu bringen.

Doch auch wenn der Künstler nun freischaffend ist, seine Ideen umsetzen und seinen persönlichen Stil herausarbeiten kann, möchte er Anerkennung erfahren und sich einen Platz in der Kunstgeschichte sichern. Ein wesentliches Kriterium hierbei ist, ob seine Arbeiten in einem Museum ausgestellt werden. So mancher Künstler schenkt seine Bilder deshalb dem Staat, stellt aber die Bedingung, dass seine Arbeiten in den wichtigen Kunsthäusern des Landes präsentiert werden sollen.

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