Kunst und Künstler – und ihr Weg in die Moderne, 1. Teil

Kunst und Künstler – und ihr Weg in die Moderne, 1. Teil

Um die Ideen der modernen Kunst und den Begriff des freien Künstlers verstehen zu können, ist es hilfreich, die Entwicklung der Kunst zu betrachten. Dabei war es ein sehr langer Weg, bis aus dem Kunsthandwerker, der Kunstobjekte herstellte, der Künstler der Moderne wurde.

Neue Sichtweisen und Weltanschauungen, bedeutsame Umbrüche in der Zeit der Aufklärung, die Französische Revolution und in besonderem Maße die Industrialisierung ebneten dem modernen, freien Künstler diesen Weg. Und in einem mehrteiligen Beitrag wollen wir uns eben jenen Weg einmal näher anschauen.

Hier ist der 1. Teil!

 

Plinius schafft die Grundlage für den Begriff des Künstlers

Was genau ist überhaupt ein Künstler? Ist ein Künstler einfach nur eine Person, die kunstvolle Werke fertigt und diese als Kunst bezeichnet? Ist der Begriff des Künstlers vielleicht nur das Ergebnis von Mythen und Legenden, die im Laufe der Zeit entstanden sind? Oder gibt es bestimmte Eigenschaften, Wesenszüge und Arbeitsweisen, die einen Künstler charakterisieren?

Erste Anekdoten über Künstler stammen aus der Zeit um 300 v. Chr. Seinerzeit gab es den Begriff des Künstlers, wie wir ihn heute kennen, zwar noch nicht. Doch Plinius der Ältere, der für den Ausdruck “in vino veritas” (zu Deutsch: im Wein liegt die Wahrheit) berühmt ist, beschrieb in seinem Werk Naturalis historae erstmals auch den Künstler. Damit legte er den Grundstein für diesen Begriff.

Allerdings beziehen sich die Aufzeichnungen weniger auf das, was einen Künstler ausmacht. Stattdessen steht eher die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft im Vordergrund.

 

Das Bild des Künstlers wandelt sich

In den Beschreibungen des Künstlers lassen sich regelmäßig Stereotypen erkennen, die später dann einzelnen Künstlern zugeschrieben wurden. Dabei gehen die Aufzeichnungen mit Höhepunkten in der Geschichte einher, zunächst im späten Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, danach im Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts und schließlich ab der Romantik bis zur klassischen Moderne.

So charakterisiert sich der Künstler der Antike dadurch, dass er durch Schlagfertigkeit unter Beweis stellen will, dass hinter seinem Können mehr steckt als nur technische Fertigkeiten. Im Humanismus möchte sich der Künstler klar von der Zunft der Kunsthandwerker abgrenzen. Er will kein Handwerker sein, der seine Fertigkeiten erlernt hat. Stattdessen will er seinem Regenten als gottähnlicher Schöpfer, dem seine besondere Begabung in die Wiege gelegt wurde, imponieren.

Der Künstler der Moderne wiederum kreiert das Bild des verkannten Genies. Er will sich Ruhm und Ehre erarbeiten und muss sich dabei im Zeitalter des Kapitalismus und der Industrie gegen ein Publikum, das überwiegend aus Banausen besteht, durchsetzen.

 

Der Künstler gewinnt an Ansehen

In der Antike hat die bildende Kunst keinen besonders hohen Stellenwert. Die Geschichtsschreiber und die Philosophen siedeln den Rang und den Wert der bildenden Kunst weit unterhalb der Dichtung und der Musik an. Es gibt nicht einmal eine Muse, die der Malerei und der Skulptur zugeordnet wäre. In ihren Augen ist die bildende Kunst vielmehr ein Handwerk, das zudem meist von Sklaven ausgeführt wird. Erst im Hellenismus findet allmählich ein Umdenken statt.

Die Malerei wird als Lehrfach aufgenommen. Plinius Behauptung, dass Sklaven keine Kunstwerke mehr fertigen durften, ist vermutlich nicht richtig. Dennoch wird daran deutlich, dass Künstler fortan ein neues Selbstbild entwickelten und gleichzeitig mehr Ansehen genossen. Einige Anekdoten aus dieser Zeit erzählen davon, dass so mancher Künstler eine Bezahlung für seine Arbeit verweigerte, weil er sein Werk für unbezahlbar hielt.

Im Mittelalter finden sich kaum Aufzeichnungen über den Künstler. Erst ab dem 15. Jahrhundert findet er wieder mehr Beachtung. Und jetzt steht nicht nur sein Werk, sondern vor allem der Künstler als Person im Mittelpunkt. Die Adelshäuser möchten sich mit namhaften Künstlern schmücken. Deshalb lassen sie den berühmten Meistern Privilegien, Adelstitels und stattliche Geldzuwendungen zuteil werden, um sie auf diese Weise an ihren Höfen zu halten.

 

Die Eigenheiten des Künstlers

Im Verlauf der Jahrhunderte entstand immer wieder ein Bild des typischen Künstlers. Allerdings war der typische Künstler des Barock nicht gleichbedeutend mit dem typischen Künstler in der Zeit der Industrialisierung. Andererseits lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten erkennen. Typische Merkmale und Eigenschaften, die das Bild des Künstlers prägten, waren folgende:

 

Auffällige Verhaltensweisen

Frühe Künstler traten durch auffällige Verhaltensweisen in Erscheinung. So trug beispielsweise der Künstler Zeuxis, der um 400 v. Chr. lebte, Kleidung, auf die sein Name in großen, goldenen Buchstaben aufgestickt war. Sein Konkurrent Parrhasios gab sich selbst den Beinamen habrodiaiton, was sinngemäß soviel wie Bonvivant bedeutet. Ein anderes Beispiel ist der Maler Giovanni Antonion Bazzi, der im 15. Jahrhundert lebte. Er pflegte einen regen Umgang mit Lustknaben, was ihm seinen bis heute bekannten Künstlernamen Sodoma einbrachte.

 

Wettbewerbe und Schlagfertigkeit

Bereits in der Antike trugen die Künstler künstlerische und rhetorische Wettbewerbe mit dem Publikum und anderen Künstlern aus. Bekannt ist etwa der Wettkampf zwischen Apelles und Protogenes, bei dem es darum ging, welcher Künstler die feinere Linie zeichnen konnte. Ein anderes berühmtes Beispiel ist der Wettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios. Er sollte aufzeigen, welcher Künstler die Augen des Betrachters perfekter täuschen konnte. Zeuxis behauptete, er könne Weintrauben malen, die so echt aussehen, dass Tauben versuchen würden, an ihnen zu picken. Daraufhin forderte Parrhasios Zeuxis dazu auf, in einen Nebenraum zu kommen. Als Zeuxis den Vorhang zur Seite schob, um den vermeintlichen Nebenraum zu betreten, prallte er gegen eine Wand. So entschied Parrhasios den Wettstreit für sich.

 

Verbundenheit mit dem Adel

Parrhasios bezeichnete sich selbst als den Fürst der Künste. Und auch bei anderen Künstlern kam eine tiefe Freundschaft zum Adel zum Ausdruck. Alexander der Große beispielsweise verehrte Apelles. Er besuchte den Künstler in dessen Atelier und übergab ihm sogar seine liebste Konkubine als Geschenk. Kaiser Karl V. bewunderte Tizian. Eine Geschichte besagt, dass sich der Kaiser sogar gebückt haben soll, um einen Pinsel aufzuheben, der Tizian heruntergefallen war. Kaiser Maximilian I. wiederum war ein großer Bewunderer von Albrecht Dürer. So soll der Kaiser einem Edelmann befohlen haben, sich auf den Boden zu legen, damit Dürer diesen beim Aufhängen eines Bildes als Schemel nutzen konnte.

 

Göttliche Begabung

Bis zum Humanismus wurde allein dem Dichter eine göttliche Eingebung zugestanden. Plato prägte hierfür den Begriff des enthousiasmós, wobei mit Enthusiasmus ein von Gott inspirierter Wahnsinn gemeint war. Giordano Bruno setzte diesen Gedanken fort. Er erkannte eine göttliche Quelle der Schöpfungskraft, die den Künstler zu einem anderen Gott erhob. Die Natur wurde zum Vorbild und lieferte dem Künstler die notwendige Inspiration. Dabei war das Talent eines Künstlers von Gott gegeben. Um sein Talent zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen, brauchte ein Künstler deshalb keinen Lehrer.

 

Heldengleiche Herkunftsgeschichte

Aus der Antike sind keine Geschichten über die Kindheit der damaligen Künstler überliefert. In der Neuzeit, als Künstler zu gottähnlichen Wesen erhoben wurden, wurden den Künstlern dann auch passende Vergangenheiten angedichtet. Die Grundlage hierfür bildeten die Mythen über antike Götter und Helden, die von ihren Eltern ausgesetzt und von Fabelwesen oder Tieren großgezogen worden waren. So wurden Legenden erfunden, nach denen die Künstler aus ärmsten Verhältnissen stammten und als einfache Hirtenknaben aufwuchsen.

Durch dieses Bild, das an Jesus in der Krippe erinnerte, wurden die Künstler einem Gott noch ähnlicher. Giotto, Francisco de Goya, Andrea Sansovino oder Domenico Baccafumi sind Beispiele für Künstler mit einer solchen Kindheit. Eine andere gängige Legende war, dass die Künstler unermüdlich kämpfen mussten, weil insbesondere ihre Eltern die Berufung nicht erkannten. So soll beispielsweise Michaelangelo von seinem Vater verprügelt worden sein, weil dieser kein Verständnis für das Talent seines Sohnes hatte.

 

Weltfremdheit und Melancholie

Ähnlich wie den Philosophen wurde auch den Künstlern eine gewisse Weltfremdheit zugeschrieben. So soll sich etwa Protegenes in sein Gartenhaus zurückgezogen haben und so sehr in seine Malerei vertieft gewesen sein, dass ihm die Erstürmung von Rhodos entging. Auch andere Künstler sollen über ihre Arbeit das alltägliche Leben vergessen haben. Ein weiterer Wesenszug der Künstler soll die Melancholie gewesen sein.

Bereits Aristoteles vertrat die Ansicht, dass alle Menschen, die eine Begabung für die Politik, die Philosophie, die Dichtung und die bildende Kunst haben, immer auch melancholisch wären. Im Mittelalter wurde die Melancholie als Laster betrachtet, das der Trägheit gleichkam. Gleichzeitig wurde der Melancholiker als ein Mensch beschrieben, der bekümmert nach der Wahrheit sucht. Diese Eigenschaft wiederum wurde neben Künstlern auch Intellektuellen attestiert.

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