Kunststile der Moderne: der Konstruktivismus

Kunststile der Moderne: der Konstruktivismus

In einer Zeit der großen Umbrüche in der frühen Sowjetunion entsteht eine Kunstrichtung, die scheinbar streng mathematische und exakt berechnete Formen in Szene setzt: der Konstruktivismus.

Die Kunststile der Moderne versuchen aus dem mitunter engen Korsett der Tradition auszubrechen. Die Künstler wollen der etablierten Szene widersprechen, provozieren, wachrütteln oder einfach nur andere, neue Wege gehen.

Dass sie dabei oft fernab vom Mainstream agieren und längst nicht immer nur Zuspruch finden, nehmen sie in Kauf. Dabei sind die Grundideen der Kunstrichtungen oft eng mit dem Zeitgeschehen verknüpft und umgekehrt. Das gilt auch für den Konstruktivismus.

 

Der Begriff Konstruktivismus

Die Bezeichnung Konstruktivismus geht auf das lateinische construere für aufbauen, zusammenfügen, errichten oder in Verbindung bringen zurück. Als moderner Kunststil steht der Konstruktivismus für eine künstlerische Gestaltungsform, die aus kontrollierten Bildelementen in klar definierten Beziehungen zueinander besteht.

Der Künstler konstruiert ein Bild aus präzisen Formen in exakt vorgegebenen Maßeinheiten. Und auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als habe der Künstler beispielsweise nur ein einfaches Viereck auf die Leinwand gemalt, so geht einem konstruierten Kunstwerk oft eine wochenlange Planung mit diversen mathematischen Berechnungen voraus.

 

Die drei Strömungen des Konstruktivismus

Das erklärte Ziel des Konstruktivismus ist eine Kunst, die den Bedingungen einer von Wissenschaft und Technik geprägten Zeit gerecht wird und dem Betrachter gleichzeitig ein ästhetisches Erleben dieser Zeit vermittelt. Dabei lässt sich der Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts in drei Strömungen einteilen:

  1. Der propagandistische Konstruktivismus findet sich in erster Linie in dem wieder, was als Russischer Konstruktivismus bezeichnet wird.
  2. Der analytische Konstruktivismus ist vom Bauhaus, der niederländischen Künstlergruppe De Stijl und der Konkreten Malerei beeinflusst.
  3. Der praktisch-experimentelle Konstruktivismus setzt bis heute Impulse in den Arbeiten vieler zeitgenössischer Künstler.

Um eine Grenze zum Russischen Konstruktivismus mit seiner klar politisch-nationalen Motivation zu ziehen, werden der analytische und der praktisch-experimentelle Konstruktivismus unter der Bezeichnung Internationaler Konstruktivismus zusammengefasst.

 

Der Russische Konstruktivismus

Die Wurzeln des russischen Konstruktivismus bilden der Kubismus und der Futurismus. Davon ausgehend, ergeben sich zwei Hauptzweige. So gibt es zum einen den Utilarismus, der die Absicht verfolgt, die Kunst für die Architektur, die Typographie, das Design, die Mode und für Bühnenbilder zu nutzen und damit auch als Instrument für eine Revolution der Gesellschaft zu verwenden.

Berühmtester Vertreter dieser Kunstform ist der Maler Wladimir J. Tatlin. Zum anderen entwickelt sich der Suprematismus. Maßgeblich geprägt von Kasimir Malewitsch, rückt der Suprematismus von der gesellschaftlichen Funktionalisierung der Kunst ab und wendet sich stattdessen einer rein geometrischen Formgebung zu.

Der russische Konstruktivismus versteht sich als künstlerisch-ästhetisches Spiegelbild der politischen Konzepte. Die Künstler sehen sich in der Rolle offizieller Vertreter der politischen Funktionäre und wollen mit ihrer Kunst dazu beitragen, das kommunistische Gedankengut im Volk zu verbreiten. Dass es funktionieren kann, Kunst als Informationsträger für die breite Masse einzusetzen, ist eine Erkenntnis und zugleich die große Leistung, die den russischen Konstruktivisten zuzuschreiben ist. Gleichwohl führt das Bestreben, einen neuen Staat zu erschaffen, dazu, dass der russische Konstruktivismus durchaus propagandistische Züge aufweist.

Der Kunststil möchte ein neues Vokabular entwickeln, das einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zieht. Deshalb nennen sich die russischen Konstruktivisten auch nicht Künstler, sondern Ingenieure, und im Zusammenhang mit ihren Arbeiten sprechen sie von der „Front der Kunst“ und dem „Sieg der Maschinenkunst“.

Prägend für den russischen Konstruktivismus sind die einfache Volkskunst und die schlichten, kantigen Formen der russischen Holzpuppen. Die Kunstwerke greifen Elemente von Holzschnitten und Ikonen, aus Reklamemalereien sowie von Werken aus dem Fauvismus und von Henri Matisse auf und bilden sie in einer neuen, modernen, geradlinigen Form ab. Der Maler Michail F. Larionow wiederum bindet zeitgenössische Graffitis, bei denen es sich um simple Wandkritzeleien von ungebildeten Soldaten handelt, in seine Arbeiten ein und setzt sie als Textfragmente kunstvoll in Szene.

 

Der Internationale Konstruktivismus

Der analytische und der praktisch-experimentelle Konstruktivismus konzentrieren sich auf die Architektur und die räumliche Gestaltung. Aber die neue Vorgehensweise in einer formellen und klar strukturierten Form schlägt sich auch in anderen Bereichen der Kunst nieder. So erarbeitet etwa Johannes Itten eine Farblehre, die den konstruktivistischen Bedürfnissen Rechnung trägt.

Lyonel Feininger und Josef Albers widmen sich Farbstufen und streng geometrischen Flächenbeziehungen, während Oskar Schlemmer eine neuartige figurale Ästhetik kreiert. Laszlo Moholy-Nagy hingegen konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Raum und Zeit sowie auf technisierte Gestaltungen.

Europa und Lateinamerika werden zu den Zentren des internationalen Konstruktivismus. Im Unterschied zu ihren russischen Kollegen erforschen die internationalen Konstruktivisten verschiedene Materialien und experimentieren mit deren Einsatzmöglichkeiten. Dadurch nehmen mobile Mechanismen, räumliche Konstruktionen, audiovisuelle Installationen und nicht zuletzt die abstrakte Malerei wichtige Rollen im internationalen Konstruktivismus ein.

 

Das Zeitgeschehen

Der russische Konstruktivismus entsteht um 1913/1914. Als Kunstrichtung bekennt er sich zur modernen Technik und beschränkt sich auf einfache, klare, geometrische Formen. Schon in den Arbeiten der 1912 gegründeten Künstlergruppe Eselsschwanz sind erste konstruktivistische Ausprägungen erkennbar. Im Folgejahr beginnt Tatlin damit, abstrakte Materialreliefe zu gestalten.

Kurz darauf geht der Künstler dazu über, dreidimensionale Hängekonstruktionen zu entwerfen. Sein Gestaltungsprinzip bezeichnet er als Konstruktivismus und begründet damit 1915 diese Kunstrichtung. In den Jahren 1917 bis 1921 wird der Konstruktivismus zum offiziellen Kunststil in der revolutionären Zeit der Sowjetunion.

Lenin erkennt schnell, dass ihm die neue Kunstrichtung nützlich sein kann und verwendet sie gezielt für seine Zwecke. 1921 wird sogar ein Manifest veröffentlicht, in dem die Malerei an der Staffelei und das traditionelle Tafelbild für überholt erklärt werden. Ab 1922 wandern die führenden russischen Konstruktivisten in den Westen aus und verbreiten hier ihre Ideen weiter.

In Westeuropa nimmt der Konstruktivismus aber eine etwas andere Entwicklung. Das Bauhaus, die ungarische Künstlergruppe MA und die niederländische De Stijl-Bewegung setzen entscheidende Impulse. Der Hauptunterschied zu den Ideen der russischen Konstruktivisten besteht darin, dass sich die internationalen Konstruktivisten nicht mit politischen und nationalen Ideen, sondern mit sachlichen Vorstellungen auseinandersetzen. Die konstruktivistischen Prinzipien werden jedoch kontinuierlich weiterentwickelt und münden in den frühen 1930er-Jahren schließlich in der Konkreten Malerei, die sich der formalen Ästhetik verschreibt.

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